Stell dir vor, du bist 18 geworden – oder wirst es bald – und plötzlich hältst du diesen Brief in der Hand: die Wahlbenachrichtigung. Herzlichen Glückwunsch, du darfst jetzt mitentscheiden, wer Deutschland die nächsten vier Jahre regiert! Aber Moment mal: zwei Stimmen, Erst- und Zweitstimme, Wahlkreis, Landesliste – wie wähle ich bei der Bundestagswahl eigentlich richtig, ohne mich zu vertun? Keine Sorge, in diesem ausführlichen Artikel nehmen wir dich Schritt für Schritt an die Hand und machen aus dir einen Profi-Wähler.
Das Wahlsystem in Deutschland – Warum es zwei Stimmen gibt
Deutschland hat eines der fairsten Wahlsysteme der Welt: die personalisierte Verhältniswahl. Das heißt, wir kombinieren das Beste aus zwei Welten – die direkte Wahl „deines“ Abgeordneten und eine gerechte Sitzverteilung nach Parteianteilen.
- Erststimme → Du wählst eine konkrete Person aus deinem Wahlkreis (es gibt 299 Wahlkreise in Deutschland).
- Zweitstimme → Du wählst eine Partei (genauer: die Landesliste der Partei in deinem Bundesland).
Die Zweitstimme ist übrigens die wichtigere, denn sie bestimmt letztlich, wie viele Sitze jede Partei im Bundestag bekommt. Die Erststimme sorgt nur dafür, dass besonders starke Direktkandidaten auf jeden Fall einziehen – auch wenn ihre Partei eigentlich weniger Sitze „verdient“ hätte.
Wer darf überhaupt wählen – und wer nicht?
Ganz einfach gesagt:
| Berechtigt zur Wahl | Nicht berechtigt |
|---|---|
| Deutsche im Sinne des Grundgesetzes | Ausländer (auch EU-Bürger dürfen leider nicht bei der Bundestagswahl wählen – nur bei Kommunal- und Europawahlen) |
| Mindestens 18 Jahre am Wahltag | Unter 18 Jahre |
| Seit mindestens 3 Monaten in Deutschland gemeldet | Im Gefängnis mit entzogenem Wahlrecht (sehr selten) |
Falls du gerade umgezogen bist – sogar ins Ausland – kannst du dich als Auslandsdeutscher ins Wählerverzeichnis eintragen lassen. Das geht ganz bequem online über das Portal des Bundeswahlleiters.
Briefwahl oder Wahllokal – Was passt besser zu dir?
Seit der Pandemie ist die Briefwahl der absolute Renner – 2021 haben fast 50 % der Menschen per Brief gewählt! Und das aus gutem Grund:
Vorteile Briefwahl
- Du kannst in Ruhe zu Hause wählen – mit Freunden oder Familie diskutieren
- Kein Anstehen am Sonntag
- Auch möglich, wenn du im Urlaub oder krank bist
- Beantragung super easy: online, per QR-Code auf der Wahlbenachrichtigung oder per Post
Vorteile Wahllokal
- Das klassische Demokratie-Feeling
- Sofort erledigt
- Du kannst vor Ort nochmal mit Wahlhelfern sprechen
Tipp: Wenn du Briefwahl machst, schick deinen Wahlbrief spätestens Mittwoch oder Donnerstag vor der Wahl ab – sicher ist sicher!
Schritt für Schritt: So füllst du den Stimmzettel richtig aus
Du hast zwei Stimmzettel – einen gelben und einen weißen (oder umgekehrt, je nach Bundesland).
Der gelbe Zettel – Deine Erststimme
- Hier siehst du die Direktkandidaten deines Wahlkreises mit Name, Beruf und Partei
- Mach einfach ein Kreuz links neben dem Namen der Person, die du magst
- Du darfst nur ein Kreuz machen!
Der weiße (oder blaue) Zettel – Deine Zweitstimme
- Hier stehen nur die Parteien und die ersten fünf Namen ihrer Landesliste
- Wieder nur ein Kreuz – diesmal bei der Partei, deren Programm dich am meisten überzeugt
Wichtig: Überhang- und Ausgleichsmandate sorgen dafür, dass am Ende wirklich die Zweitstimmen-Verhältnisse zählen. Deswegen sagen viele Experten völlig zu Recht: „Die Zweitstimme ist deine eigentliche Stimme für die Regierung.“
Taktisches Wählen – Splitten, Koalitionen im Kopf und die berühmte „Leihstimme“
Viele fragen sich: Darf ich Erst- und Zweitstimme verschiedenen Parteien geben? Ja, das darfst und solltest du sogar! Das nennt man „Stimmen splitten“ und ist absolut legitim.
Beispiele aus der Praxis:
- Du magst die nette SPD-Direktkandidatin in deinem Wahlkreis, willst aber eigentlich die Grünen stärken → Erststimme SPD, Zweitstimme Grüne
- Du willst verhindern, dass die AfD den Direktmandat holt → Erststimme an den stärksten demokratischen Gegner
Achtung bei kleinen Parteien: Wer unter 5 % bleibt, bekommt (fast) keine Sitze – außer er holt mindestens drei Direktmandate (wie früher die PDS/Linke).
Die 5%-Hürde und Grundmandatsklausel – Was passiert mit „verlorenen“ Stimmen?
Keine Angst – deine Stimme ist nie ganz verloren. Stimmen für Parteien unter 5 % werden zwar nicht in Sitze umgewandelt, fließen aber indirekt den größeren Parteien zugute, weil die Prozentrechnung nur unter den „erfolgreichen“ Parteien stattfindet.
Wahl-O-Mat, Wahlprogramme und wo du wirklich gute Infos findest
Bevor du kreuz und quer kreuzt, informier dich richtig:
- Wahl-O-Mat (ab ca. 6 Wochen vor der Wahl online) – super spielerisch!
- abgeordnetenwatch.de – hier kannst du deinen Direktkandidaten direkt fragen
- Die Wahlprogramme der Parteien – meist gut lesbar als „Kurzfassung für alle“
- Jugendportale wie klick-wahl.de oder u18-wahl.de (auch wenn du schon 18 bist, top erklärt)
Der Wahltag selbst – Was du mitnehmen musst und was passiert im Wahllokal
Du brauchst:
- Wahlbenachrichtigung (nicht zwingend, aber praktisch)
- Personalausweis oder Reisepass
Im Wahllokal:
- Ausweis vorzeigen
- Unterschreiben
- In die Kabine gehen (allein – niemand darf dich beobachten!)
- Kreuz machen
- Zettel falten und in die Urne werfen
Fertig! Jetzt hast du aktiv Demokratie gelebt.
Was passiert nach der Wahl – Auszählung, Überhangmandate und Koalitionsverhandlungen
Gegen 18 Uhr schließen die Urnen. Schon um 18:01 Uhr kommen die ersten Hochrechnungen – oft erstaunlich genau. Spannend wird es bei:
- Wer holt die meisten Direktmandate?
- Welche Koalition ist rechnerisch möglich?
- Wie groß wird der neue Bundestag (durch Ausgleichsmandate manchmal über 700 Abgeordnete!)
Fazit
Wie wähle ich bei der Bundestagswahl Ganz einfach: Informier dich, entscheide nach deinem Gewissen, mach deine zwei Kreuze – ob im Wahllokal oder bequem von der Couch aus per Briefwahl. Jede einzelne Stimme trägt dazu bei, wie Deutschland die nächsten vier Jahre regiert wird. Es ist dein Land, deine Zukunft, deine Stimme. Nutze sie – denn Demokratie lebt nur, wenn wir alle mitmachen!
FAQs
1. Kann ich meine Stimme auch online abgeben?
Leider nein – aus Sicherheitsgründen gibt es in Deutschland keine Online-Wahl. Aber die Briefwahl ist fast genauso bequem.
2. Was passiert, wenn ich beide Kreuze bei derselben Partei mache?
Gar nichts Schlimmes – das ist völlig in Ordnung und sogar die häufigste Variante.
3. Darf ich den Stimmzettel fotografieren?
Nein! In der Wahlkabine gilt absolute Geheimheit – Foto machen ist verboten und kann als Ordnungswidrigkeit gewertet werden.
4. Ich habe meine Wahlbenachrichtigung verloren – darf ich trotzdem wählen?
Ja! Geh einfach mit Personalausweis ins Wahllokal, dort steht ihr im Wählerverzeichnis.
5. Ab wann gilt die Wahl als ungültig?
Nur wenn du z. B. mehrere Kreuze bei einer Stimme machst, den Zettel bemalst oder gar keinen Kreuz setzt. Ein kleiner Smiley neben dem Kreuz macht die Stimme aber nicht ungültig – solange klar ist, wen du meinst.

